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Powerspiele für Kinder in der Autonomiephase

 

Vor einigen Monaten habe ich einen Artikel von Herzensglückskind gelesen, der mich sehr interessiert und beeindruckt hat und mir war gleich klar: Das probieren wir aus! Die Rede ist von einem Bericht über ein besonderes Spiel, das im Umgang mit einem Kind in der Autonomiephase – landläufig Trotzphase genannt – sehr hilfreich sein kann.

 

Wenn Kleinkinder ihr Ich-Bewusstsein entdecken, sich ausprobieren und eigene Entscheidungen treffen wollen, möchten sie gerne das Gefühl von Macht (englisch: Power) erleben. Sie wollen das Gefühl haben, über ihren Körper und Dinge, die sie betreffen, bestimmen zu können. Oft stoßen die Kinder da aber an Grenzen, weil bestimmte Handlungen oder freie Entscheidungen nicht möglich sind. Das Kind fühlt sich ohnmächtig und hilflos, was in weiterer Folge zu ablehnendem und störendem Verhalten sowie Aggressionen führen kann. Im Gegenzug dazu tut es den Kindern in dieser Entwicklungsphase sehr gut, wenn sie ihre Autonomie spielerisch erproben dürfen und spüren, dass sie Macht haben. Dabei weiß das Kind sehr genau, dass es sich um ein Spiel handelt und das soll auch so deklariert werden – eine positive und stärkende Wirkung auf die Emotionslage des Kindes und sein Selbstbewusstsein hat es dennoch.

 

Die liebe Andrea von Herzensglückskind entdeckte diese Art von Spiel im Buch „Von der Erziehung zur Einfühlung“ von Naomi Aldort und gab ihnen den Namen Powerspiele. Am besten lest ihr euch hier ihren Artikel durch.

 

Wichtig ist bei den Powerspielen, dass die Idee vom Kind kommt und wir Eltern miteinsteigen. Sie werden nicht in akuten Wut-Situationen eingesetzt, sondern ganz unabhängig davon und sollten auch nicht als Methode gesehen werden, um unerwünschtes Verhalten zu beenden. Vielmehr geht es darum, das Kind zu stärken und nicht zuletzt natürlich auch um Spaß und Freude am gemeinsamen Spiel. Für die Dauer des Spiels darf das Kind der „Chef“ sein. Als Signal, dass wir in das Spiel miteinsteigen, rufen wir laut „Oh nein“ und geben dann dem Kind die Möglichkeit, ihre Macht „auszuüben“.

 

Als Beispiel erzähle ich euch eine Spielvariante, die der Sohnemann und ich im Sommer bei heißem Wetter geliebt haben: Er füllte eine große Spritze mit Wasser aus dem Planschbecken und zielte damit auf mich. Laut und empört rief ich dann: „Oh nein! Du spritzt mich sicher nicht an. Siiiiiicher nicht!“ und lief gespielt kreischend davon. Der Sohnemann lief mir natürlich nach und bespritzte mich mit Wasser, was ich wiederum mit lautem Schreien quittierte. Dabei hatte er seine diebische Freude. Das Spiel wiederholte sich viele Male, bis er irgendwann genug hatte.

 

Ein Powerspiel sollte nicht nur vom Kind initiiert, sondern auch vom Kind beendet werden, wenn sein Machtbedürfnis gestillt ist. Darum steige ich dem Sohnemann auf diese Art von Spiel auch nur ein, wenn ich genügend Zeit habe und mich auch gern darauf einlasse. Halbherzig mitspielen und möglichst schnell wieder aussteigen wollen erfüllt nicht den Sinn der Sache.

 

Eine Zeit lang wurde ich besonders gern vom Sohnemann ausgesperrt. Er wartete dann schon erwartungsvoll bei einer Tür oder beim Treppenschutzgitter am oberen Treppenende auf mich und wenn ich Zeit und Energie hatte, rief ich laut „Oh nein, du sperrst mich sicher nicht aus!“. Natürlich warf er mir die Tür vor der Nase zu und quietschte dabei vor Vergnügen. Nach einigen Wiederholungen endete das Spiel von selbst und nach wenigen Wochen war es dann auch nicht mehr interessant für ihn und es ergaben sich neue Powerspiel-Versionen.

 

Sehr beliebt ist in letzter Zeit die Fangenspiel-Variante vor dem Bettgehen. Bevor wir nach dem Abendessen ins Bad gehen, spielen wir auf Vorschlag des Sohnemanns noch „Oh nein“, er nennt dies selbst schon so. Wir gehen ins Obergeschoß und kaum sind wir dort angekommen, läuft er schreiend auf mich zu und ich rufe „Oh nein, du fängst mich sicher nicht!“ Das ist der Startschuss für eine wilde Verfolgungsjagd durch Kinder-, Schlaf- und Badezimmer. Meist bauen wir auch noch ein „Oh nein, du drückst mich jetzt aber nicht ganz fest“ ein. Nach einigen Runden schlägt er dann von meist selbst vor, dass wir ins Bad gehen beziehungsweise nimmt er meinen Vorschlag dahingehend an. Spannenderweise schläft er deutlich ruhiger und leichter ein, seit wir dieses Abendritual haben. Ich war lange der Meinung, wir müssten die Zeit vor dem Schlafengehen so ruhig wie möglich verbringen, um zur Ruhe zu kommen. Bei unseren aktiven Kindern scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Wenn sie vor dem Schlafen noch ein Ventil für ihre Emotionen und ihren Bewegungsdrang bekommen, tun sie sich mit dem Einschlafen deutlich leichter.

 

Andrea beschreibt in ihrem Artikel auch noch verschiedene Varianten des Powerspiels, gibt aber den Eltern am Ende auch noch folgenden Hinweis mit auf den Weg: „Wenn du keinen Spaß daran hast und sie nur spielst um ein Ziel zu erreichen, ist es nicht sinnvoll, die Kinder merken das sofort. (…) Zudem sollte man sich dringend überlegen, wo man dem Kind im Alltag noch mehr Selbstbestimmung geben kann!“

 

Powerspiele sind bestimmt kein Allheilmittel gegen Wutanfälle in der Autonomiephase und sollen es auch gar nicht sein, aber sie tun meiner Erfahrung nach den Kindern unheimlich gut. Sie werden in ihrer Autonomie gestärkt, erfahren Selbstwirksamkeit und haben viel Spaß daran. Wir Eltern verbringen dabei eine ausgelassene Zeit mit den Kindern, was auch die Eltern-Kind-Beziehung positiv beeinflusst. Unser Sohn liebt die Powerspiele und ist mit Hingabe und Begeisterung dabei. Vielen lieben Dank an Herzensglückskind für diese Inspiration, die unseren Alltag bereichert!

 

Ich lade nun euch ein, das auch mal auszuprobieren – und habt keine Angst, durch die verstellte Stimme und das gespielt empörte „Oh nein“ können die Kinder Spiel und Wirklichkeit sehr gut unterscheiden. Einen Nutzen ziehen sie dennoch aus der Spielsituation.

 

Vielleicht mögt ihr von euren Erfahrungen berichten? Ich freue mich!

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Katrin (Samstag, 03 Februar 2018 10:33)

    Ohne den Artikel zu kennen, spielen wir dieses Spiel gerade mit Farben. Bei gelben Sachen behauptet das Kind, es handele sich um rot. Ich reagiere dann übertrieben mit "nein gelb!" Und so geht das eine ganze Weile, wobei das Kind sich köstlich amüsiert.

  • #2

    Juno und Gefährtin (Samstag, 03 Februar 2018 13:43)

    Auch eine tolle Idee! Oft entstehen die Situationen einfach im Spiel und gehen vom Kind aus - schön :-).