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Selbstständigkeit von Kindern fördern - oder einfach zulassen

 

Es scheint eine wichtiges Erziehungsziel zu sein, dass Kinder lernen, selbstständig Tätigkeiten auszuüben und gerade in der Montessoripädagogik ist dies ein zentrales Thema. Es gibt tolle Hilfsmittel und Materialen, um dies zu unterstützen, aber eigentlich bin ich überzeugt davon, dass man als Eltern Selbstständigkeit gar nicht gezielt fördern muss. Der Drang, etwas allein zu tun, kommt vom Kind selbst. Nicht bei allen Kindern ist das in allen Bereichen gleich ausgeprägt und schon gar nicht passiert es zu einem fixen Zeitpunkt, aber meist macht sich das Kind deutlich bemerkbar, wenn es „Alleine!“ einfordert. Die große Kunst ist es, dies zuzulassen und dem Kind den nötigen Raum zu geben, sich auszuprobieren und neue Tätigkeiten zu erlernen.

 

Das Töcherlein ist aktuell 22 Monate alt und wollte vor zwei Tagen ihre Nachmittagsjause selbst zubereiten – ein Marmeladenbrot sollte es werden. Sie tat das dann auch mit bewundernswerter Ausdauer und werkte, strich, schnitt, schleckte und aß fast eine halbe Stunde lang hoch konzentriert. Ja, es wäre schneller und vor allem sauberer abgelaufen, wenn ich das für sie übernommen hätte. Aber der Lerneffekt dieser halben Stunde war riesig groß. Kein Übungsmaterial hätte ihre Feinmotorik besser trainiert und kein Lernspiel hätte zu tieferer Aufmerksamkeit geführt. Die Motivation kam aus ihr selbst und am Ende war sie nicht nur satt, sondern auch hoch zufrieden und glücklich. Natürlich hatten wir danach einiges zu putzen und wir mussten gründlich Hände und Gesicht waschen sowie ein neues Oberteil anziehen, aber das war es defintiv wert.

 

 

Ich weiß, all das ist leichter gesagt als getan. Im Alltag fehlen mir häufig die Zeit und die Geduld, das Selbermachen zuzulassen und ich greife ein, helfe mehr als nötig oder mache es schnell selbst.

 

So oft wie möglich versuche ich aber, den Drang nach Selbstständigkeit und Selbsttätigkeit nicht abzuwürgen. Folgende Aspekte finde ich diesbezüglich wichtig:

 

·         Im Zentrum steht immer das Kind. Es zu beobachten und zu schauen, was es schon schaffen kann und vor allem auch möchte, ist der wohl wichtigste Punkt. Die meisten Kinder äußern sich sehr klar, wenn sie etwas alleine machen wollen und dann sind sie in der Regel auch bereit dazu. In der Montessoripädagogik spricht man von „sensiblen Phasen“, also Entwicklungsfenstern, in denen das Kind ein besonderes Interesse daran hat, etwas Neues zu erlernen. Diese Phasen zu nutzen erleichtert jegliches Lernen.
Für mich gehört zu dieser Kindorientiertheit aber auch, dass es okay ist, wenn meine Kinder etwas nicht selbsttätig machen wollen oder plötzlich wieder Hilfe einfordern, auch wenn sie etwas zu früheren Zeitpunkten schon alleine konnten. Der Sohnemann hat seit längerem kaum Interesse daran, sich allein an- und umzuziehen. Er lässt sich diesbezüglich gern bedienen und wenn ich die Zeit dazu habe, mache ich das auch. Es stört mich nicht und ich habe keinerlei Sorge, dass er das nicht zu gegebenem Zeitpunkt noch erlernen wird. Dieses Umsorgtwerden und das Gefühl, dass sich jemand liebevoll kümmert – in diesem Fall zum Beispiel durch das Anziehen des Schlafanzugs - finde ich auch schön und vermittelt Geborgenheit.

 

·         Wenn die Kinder im Alltag möglichst selbstständig agieren wollen, erfordert das eine Umgebung, in der das möglich ist. Die „vorbereitete Umgebung“ nach Montessori ist auch zuhause eine gute Sache. So haben wir kindgerechte Möbel, die alleine genutzt werden können und Materialien, Spielsachen, Kleidung und Utensilien zur Körperpflege sind den Kindern frei zugänglich. Klar war es anfangs mühsam, dass das Töchterlein ihre Kleider viele Mal aus ihrer Kommode geräumt hat und wieder hineingeschmissen hat. Nach einigen Durchgängen war das Interesse daran aber befriedigt und nun holen sich beide Kinder ihre Kleidung selbst, nur ab und zu muss ich Veto einlegen ;-). Über unseren Waschtisch habe ich hier berichtet und Artikel zu Küchen- und Putzbereich sowie Garderobe gab es auch schon gesondert. Der Lernturm hat dem Sohnemann viel Selbstständigkeit ermöglicht, bei unserer kleinen Turnerin war er hingegen wenig im Einsatz. Gerade jetzt in der warmen Arbeitszeit übernehmen die Kinder selbstständig Tätigkeiten im Garten, hier ein älterer Artikel dazu vom Vorjahr.

 

·         Stress vermeiden und für alles genug Zeit einplanen ist essentiell, wenn ich meinen Kindern Selbsttätigkeit ermöglichen möchte. Der Sohnemann geht sehr gerne mit mir einkaufen, fährt dabei mit einem kleinen Einkaufswagen durch den Supermarkt und sucht Sachen zusammen, die auf seiner eigenen Einkaufsliste stehen hat. Das dauert natürlich deutlich länger und geht nur, wenn ich nicht schon kurz danach den nächsten Termin einhalten muss. Wenn wir von zuhause fortfahren, mag sich das Töchterlein gerne selbst anziehen und die dafür erforderliche Geduld habe ich nur, wenn ich genügend Zeitpuffer dafür eingeplant habe.

 

·         Natürlich hat die Selbstständigkeit von Kindern auch Grenzen – nämlich dort, wo es gefährlich wird oder andere Menschen sowie wertvolle Gegenstände zu Schaden kommen würden. So darf das Töchterlein gern mit dem Buttermesser hantieren und unter Aufsicht auch mal mit einem schärferen kleinen Messer, aber alleine mit meinem großen Fleischmesser lasse ich sie nicht schneiden. Der Drang nach Autonomie muss im Straßenverkehr von mir reglementiert werden, manches geht eben einfach nicht. Dennoch versuche ich mich vor jedem „Nein“ meinerseits zu fragen „Warum nicht?“ und wenn das Argument nur ist, dass ich hinterher drei Minuten putzen muss oder ein Kind ein frisches Shirt braucht, dann springe ich oft doch noch über meinen Schatten und lasse sie ausprobieren.

 

·         Trotz allem finde ich es auch okay, wenn ich mal nicht die Nerven dafür habe. Dann mache ich Dinge schnell selbst. Um noch mal auf das Marmeladebrot zurück zu kommen: Es macht wenig Sinn, wenn ich das Töchterlein mit Brot und Butter werken lasse, aber nur genervt daneben stehe und ständig ermahne, nur ja nicht zu kleckern oder im schlimmsten Fall sogar schimpfe, weil Marmelade am Shirt landet. Die Grundeinstellung aber soll bleiben, dass ich Selbstständigkeit meiner Kinder zulassen möchte, so oft das eben möglich ist. Es macht sie nicht nur kompetent für die Zukunft, sondern vor allem auch sehr zufrieden und stärkt ihren Selbstwert.

 

In diesem Sinne wünsche ich euch viel Geduld, viel Spaß mit Marmelade an den Ohren und verkehrt herum angezogenen Schuhen und eine schöne Zeit mit euren Liebsten <3.


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Kommentare: 1
  • #1

    Bernhard - papazuhause.at (Mittwoch, 13 Juni 2018 23:17)

    Sehr informativer Beitrag!

    Den Drang, etwas selber/alleine zu machen spüren wir bei unserem Sohn (1,5 Jahre) auch schon des Öfteren. So liebt er es zum Beispiel, nach dem Wickeln (sofern die Windel nicht zum Zerbersten voll ist) die Windel selber zum Windeleimer zu bringen. :D