· 

„Mach mal leise, Mama!“ Weniger reden - mehr zuhören, vertrauen und genießen

 

Versteht mich bitte nicht falsch. Es ist absolut wichtig, mit Kindern zu reden. Nicht nur für den Spracherwerb ist es unentbehrlich, mit Kindern zu sprechen. Auch für den Aufbau von Beziehung und Bindung haben Worte eine wichtige Bedeutung. Kinder, mit denen viel auf Augenhöhe gesprochen wird, erfahren Interesse an ihrer Person, fühlen sich ernstgenommen, geliebt und ins Familienleben eingebunden. Ehrlich gemeinte schöne Worte können so viel bewirken. Mit Worten erklären wir unseren Kindern die Welt und wenn wir dann auch noch zuhören, was sie uns zu sagen haben und in ein echtes Gepräch kommen, ist das ein ganz wichtiges Element der bindungs- und bedürfnisorientierten Beziehung.

 

Aber jetzt mal ehrlich, im Alltag rede ich manchmal zu viel. Zu viele leere Phrasen, zu viele unnötige „Sei vorsichtig!“, zu viele Vorschläge und Vorausnahmen, zu viele Wiederholungen. Zu viel Dauerschimpfen, ohne aktiv etwas einzufordern, wenn es mir wichtig ist. Verbale Einmischungen, die nicht nötig wären. Und darum geht’s in diesem Beitrag.

 

Ich kann einem ängstlichen Kind in neuen Situationen mit sorgsam gewählten Worten und Erklärungen Sicherheit geben. Auch fröhliches Drauflosplappern kann mal hilfreich sein und Abwechslung bieten. Aber umgekehrt kann ich mit meinen unbedachten Worten den Entdeckerdrang des Kindes einbremsen, sein Streben nach Selbstständigkeit behindern und mit dauernden „Pass auf!“-Unkenrufen vielleicht Ängste hervorrufen, die sonst nicht wären.

Und nicht nur das. Es ist auch bekannt, dass im kindlichen Gehirn ein Gewöhnungseffekt eintreten kann und manche Worte dann wirklich nicht mehr wahrgenommen werden.

 

Ich ertappe mich viel zu oft bei diesen Vorsichtsrufen – auch in Situationen, die nicht ernsthaft gefährlich sind. Ebenso zerrede ich immer wieder Momente, in denen die Kinder in ihren Tätigkeiten kreativ werden könnten oder ihre eigenen Spiele und Arbeiten entdecken. So häufig bin ich sofort mit Ideen zur Stelle, was sie jetzt machen könnten – anstatt ihnen einfach Langeweile zuzugestehen und danach zu ermöglichen, ihre Phantasie auszuleben und herauszufinden, was gerade Spaß macht.

 

Ein weiterer Aspekt des Themas ist auch das Dauerschimpfen, in das man an schlechten Tagen so leicht hineingerät. Kennt ihr das auch? Ich bitte dann etwa den Sohnemann fünf oder gar sieben Mal, etwas zu unterlassen – anstatt mir klar zu überlegen, wie wichtig mir die Sache wirklich ist. Ist es mir ernsthaft wichtig, reichen zwei Wiederholungen allemal und dann muss ich es klar einfordern und aktiv werden. Ist es mir nicht wichtig, kann ich eigentlich auch das Dauerschimpfen einstellen. Eigentlich. Denn das ist oft verdammt schwierig.

 

Folgendes hilft mir dabei, etwas leiser zu werden, weniger zu reden und seltener zu schimpfen:

 

· Wie in vielen Dingen im Umgang mit Kindern gilt: Bewusstsein ist der erste Schritt zur Änderung. Es ist schon gut, dass es mir auffällt und ich die Situationen im Nachhinein reflektieren kann, auch wenn mein Mund noch viel zu oft Worte ausspuckt, die ich mir hätte sparen können.

 

· Keiner ist perfekt und auch kleine Schritte in die richtige Richtung sind toll. Es hilft ungemein, nicht zu planen: Heute schimpfe ich gar nicht. Sondern sich vorzunehmen: Wenn wir heute Abend die Zähne putzen, waschen und den Schlafanzug anziehen, nehme ich mich mit Worten zurück. Oder ich versuche in ganz kurzen Sequenzen oder bestimmten Situationen – etwa wenn das Töchterlein auf das Klettergerüst am Spielplatz klettert – mir auf die Zunge beiße und jedes zweite „Sei bitte vorsichtig!“ nicht herauszulassen.

 

· Hilfreich kann auch sein, sich einen Komplizen ins Boot zu holen, wenn man etwas an seiner Kommunikation ändern möchte. So habe ich meinen Mann schon gebeten, mir Bescheid zu sagen, wenn ich wieder in gewisse Muster verfalle.

 

· Falls ein Tag mal wieder gar nicht rund läuft und der Sohnemann und ich uns gegenseitig aufschaukeln beziehungsweise er meine Unzufriedenheit spiegelt und ich ins Dauerschimpfen verfallen, hilft oft ein „Ausstiegsszenario“. Wie ich hier schon beschrieben habe, haben wir eine Zeit lang spontan Schokoladeneis am Küchenboden sitzend gegessen, wenn ich mal wieder sehr genervt war. Dieser klare, aber bewusst von mir initiierte „Cut“ hat immer geholfen, meine Laune wieder zu heben und wieder dieses wunderbare Kind zu sehen und nicht die kleine Nervensäge, die er eben auch manchmal sein kann.

 

· Vor kurzem habe ich mir ein schönes Armband gegönnt – ein Geschenk an mich selbst und ein kleiner Anker im Alltag. Jedes Mal, wenn ich es trage und mein Blick auf den Anhänger mit der selbst gewählten Aufschrift „LEISE“ fällt, werde ich ein bisschen ruhiger, lehne mich zurück, spare mir ein paar unnötige Worte, vertraue meinen Kindern, dass sie vieles auch ohne meine sprachliche Dauerberieselung können und genieße es, sie zu beobachten. Ich mag die Kombination aus den pastelligen Farben und der Symbolik sehr – vielen Dank an die liebe Isabell, die meine Wünsche perfekt umgesetzt hat.

 

 

Einen wunderschönen, leisen Tag wünsche ich euch!

 

 

Wenn ihr mehr über einen achtsamen Familienalltag lesen wollt, dann seid ihr hier richtig: Ein Plädoyer für die Langsamkeit

Und meine Tipps für ein entspanntes Zusammenleben mit Kindern gibts hier: 10 Ideen für einen entspannten Familienalltag

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Jessi O. (Donnerstag, 28 Juni 2018 19:15)

    Sehr treffender und guter Text.
    Durch eine Kehlkopfentzündung war ich in dieser Woche einige Tage gezwungen nicht zu reden. Noch nie war es Zuhause so harmonisch, ob mit meinem Mann oder den Kindern. Ich musste mehr zuhören und habe oft nur Dinge geflüstert, die gerade wirklich wichtig waren. Weniger ist mehr, auch wenn Kommunikation natürlich wichtig ist, aber mein gemecker hat keinem gefehlt. �

  • #2

    Juno und Gefährtin (Donnerstag, 28 Juni 2018 20:24)

    Danke Jessi für deine schöne Rückmeldung. Ja, manchmal ist weniger mehr. Dennoch hoffe ich, dass es dir nun wieder besser geht :-).